Ein für alle Mal: Ich bin nicht schwul!

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Immer wieder höre ich: Du bist schwul.
Das ist falsch!

Dass es zwischen Pimmel und Kerbe auch Zwischenstufen gibt, will den meisten Menschen einfach nicht in den Kopf.

Also: Ich war ein Mann, dann Transexuelle und heute bin ich eine richtige Frau. Nach drei Jahren Psychiater, einer Hormontherapie und zwei Operationen (Brust UND unten) darf ich mich wohl mit Fug und Recht als Frau bezeichnen.

Und ich habe immer Frauen geliebt. Wenn Otto Normal das hört, kratzt er sich völlig ratlos: “Erst hetero und nach der Geschlechtsumwandlung lesbisch?” So viel Sand und keine Förmchen!

Normalos, die nie ihr eigenes Geschlecht infrage gestellt haben, unterscheiden gerade mal zwischen heterosexuell und homosexuell. VIER Schubladen, in die man die Menschen stecken kann – Männer, Frauen, Lesben und Schwule – das ist für den Normalverbraucher offenbar schon eine Herausforderung.

Wenn ihr schon Schubladen braucht, dann wenigstens neue!

Jawohl, neue Schubladen braucht das Land: Hier sind drei Misch-Geschlechter, die jeder kennen sollte!

Schublade Eins: DWT – Damenwäscheträgen

Mit DWT habe ich auch angefangen. So mit Anfang 20 habe ich mir zum ersten Mal Seiden-BHs und Slips geklauft. Ich habe sie nicht bezahlt, weil ich einfach keine Kohle hatte. Zum Glück ist das eh verjährt.

Jedenfalls fand ich Damenunterwäsche echt geil. Diese weiche Oberfläche, der Glanz… für mich fühlten sie schon das Material an, als sei es nicht von dieser Welt. (Auch wenn das Zeug natürlich aus China war.)

Wie das immer so ist: Erst kann man sich’s nicht vorstellen. Dann gewöhnt man sich langsam dran und am Schluss kann man gar nicht mehr davon lassen.

Nach einiger Zeit wollte ich die Dinger wirklich nicht mehr ausziehen. Ich trug sie auch zur Arbeit. Ich war als Lagerist in einem Supermarkt eingesetzt.

Oben Jeans, drunter ein seidiger Slip. Natürlich war mir das Ding zu klein! Genau wie der BH, der nach einer Weile auch noch dazukam. Es war ein wenig gewöhnungsbedürftig, so rum zu laufen. Aber nur am Anfang.

Ich fühlte mich frei. Nur ich wusste es. Es war MEIN kleines Geheimnis, das ich gut hütete. Keiner merkte was. Schon bald war mir DWT nicht mehr genug!

Schublade Zwei: TV – Transvestiten

Weit weg von Frankfurt wagte ich den nächsten Schritt: Ich kaufte mir einen Bikini. Damit ging ich am Isarufer in München baden.

Der Bikini sah obenrum etwas schlaff aus. Das Holz vor der Hütte kam erst Jahr später. Dafür beulte sich der String-Tanga untenrum aus. Das Problem ist inzwischen auch gelöst.

In Frankfurt hätte ich mich das nie getraut. Davon mal abgesehen, dass das Wasser der Isar sehr viel einladender ist als das bracke Mainwasser. Optionen gibt es ja auch in Rhein-Main genug. Beispielsweise die Nudisten in der Nähe des Licht- und Luftbades Niederrad oder der FFK-Bereich am Langener Waldsee.

Aber seien wir ehrlich – die meisten Leute werden umso spießiger, je weniger Klamotten sie anhaben. Echt ätzend! Am Isar-Ufer ist das ein bisschen besser, weil sich dort an bestimmten Stellen eine Szene versammelt.

Vorsichtig storchten meine langen Beine barfuß über Kieselsteine. Ich war unsicher. Kam mir blöd vor. Aber gleichzeitig erregte es mich auch – jetzt nicht so, dass ich einen Ständer bekommen hätte. Mehr so im Kopf. Ich meine, ich konnte jetzt an nichts Anderes mehr denken.

Ich hatte eine Art Tunnelblick, der die Umgebung genau nach Reaktionen und Gefahren abscannte. Das muss wohl ein Adrenalin-Rausch gewesen sein. Zum ersten Mal bekannte ich mich öffentlich zum Frausein.

Der Rausch ließ nach einer Weile nach. Ich versuchte, Normalität zu spielen. Ich sonnte mich.

Plötzlich sprach mich jemand an. Da setzte der Rausch wieder ein. Mein Herz pumpte, aber ich versuchte äußerlich mädchenhaft zu sein. Sogar meine Stimme verstellte ich. Es stellte sich heraus, dass der Gute schwul war. Was wollte der von mir? Joah, mei! Der hat mich halt angegraben.

Er sah in mir einen hübschen, großen, blonden Jungen. Das weibliche Element, das ich an diesem Tag austeste, gefiel ihm. Wer sich schon mal ein Leberwurst-Brot geschmiert und Birne draufgelegt hat, versteht das vielleicht besser – manchen Leute schmeckt dieser kulinarische Widerspruch. Andere lieben das nicht.

Der Typ dachte sich: feminines Männchen… Lecker!

Aber ich stehe halt nicht auf Kerle. Ich bin eine lesbische Frau im Körper eines Mannes – ich bin das, was es nicht gibt. Ich bin nicht schwul!

Am Schluss hat er mir Geld geboten, damit ich ihm einen blase. Das habe ich dann gemacht. Ich war jung und brauchte das Geld.

Mein erstes Mal als Transvestit war summa summarum gut gelaufen. Keiner hatte mich ausgelacht und ein bisschen Kohle hatte ich zudem.

Ich wurde danach mutiger und mutiger. Der Wunsch, auch körperlich eine Frau werden zu wollen, wurde immer stärker. Ich wollte nicht nur mithilfe von Klamotten schön sein.

Schublade Drei: TS – Transsexuelle

Ich wollte Schönheit verkörpern: lange Haare, rote Lippen und verführerische Augen. Die endlosen Beine sollten zu einer heißen Vagina führen. Ich wollte purer Sex werden. Ich wollte bezaubern können. Ich wollte Macht.

Der Weg zur Operation in Deutschland ist steinig. Gesetzgeber, Krankenkassen und Ärzte wollen so verhindern, dass man sich leichtfertig auf diese Reise begibt. Der Eingriff ist schließlich kein Tattoo, das man sich wieder weglasern lassen kann.

Einmal schnipp, schnapp und er ist ab.

Insgesamt hat es mich drei Jahre, eine Hormontherapie und einen Job gekostet, bevor ich auf dem OP-Tisch lag.

Es fing beim Psychiater an. Ich erklärte ihm, dass ich eine Frau gefangen in einem männlichen Körper sei und er mir helfen müsse. Ich erklärte ihm, dass ich schon als Kind mit Puppen gespielt habe und an Fasching am liebsten als Prinzessin gegangen sei.

Er hörte sich alles an. Schön und gut, meinte er – aber das genüge nicht. Klar war ich sauer, dass ich mein Geschlecht nicht einfach selbst bestimmen kann. Dann wiederum wollte ich aber auch, dass die Krankenkasse zahlt.

Nach einer Weile bestand der Psycho darauf, dass ich den Test aufs Exempel machen sollte: in Frauenklamotten auf die Frankfurter Zeil. Mit meinen über 2 Meter Größe und falle sowieso und immer auf. Als Frau gekleidet erst recht. Ein wenig mulmig war mir bei dem Gedanken schon. Wenn ich jemanden treffen würde, der mich erkennt.

Dann das nächste Problem: Was sollte ich mir bloß anziehen? Welche Ohrringe und welche Kriegsbemalung?

Seit der Episode am Isar-Ufer war inzwischen viel Zeit vergangen. Ich nahm inzwischen Hormone. Meine Barthaare waren erst ganz weich geworden. Mit der Zeit wuchs nur noch Flaum.

Dafür schossen kleine Zitzen aus meiner Brust hervor. Es ist schon erstaunlich, was ein paar Milligramm Wirkstoff so mit dem Körper machen können. Und endlich hatte der BH einen Sinn bekommen.

Als ich mich das erste Mal auf die Frankfurter Zeil traute, war das schon ein merkwürdiges Gefühl. Schon monatelang hatte ich Frauen in der Öffentlichkeit genaue beobachtet. Nun versuchte ich ihr Verhalten zu imitieren. Setzte mich nur noch mit gekreuzten Beinen hin. Ging auf die Damen-Toilette im Café oder in die Damen-Umkleide im Klamottengeschäft.

Ganz einfach war das nicht. Mehr als einmal glotzen die Damen mich blöd an. Und oft genug musste ich erklären, dass ich auf dem Weg zur Frau war.

Aber es war schon eine gute Idee, das alles mal auszuprobieren. Als ich nach der finalen Operation aus dem Krankenhaus kam, war ich gut vorbereitet auf das, was mich erwartete.

Fazit: Heute bin ich eine Frau.

Nennt mich nicht schwul, nur weil ihr es nicht besser wisst. Ich bin eine Frau, die Frauen liebt. Kann sein, dass ich nicht so auf die Welt gekommen bin Aber nun ist es unumkehrbar!

PS: Von der OP selbst erzähle ich euch ein anderes Mal.

Ein Kommentar zu “Ein für alle Mal: Ich bin nicht schwul!

  1. … ich nenne Dich Franka und beglückwünsche Dich!

    … ich bin ein genetischer Mann und erlaube mir eine emotionale Bandbreite, welche sich nicht auf traditionelle bi-polare Geschlechtersichtweise beschränken lässt: ja, u.a. trage ich zuweilen “Damenwäsche und -Kleider”, ggf. alles, was Männer an Frauen so “anziehend” wahrnehmen und geniesse dies – wenn ich dies an (m)einer (nicht besitzergreifend einschränkend) Frau geniesse, warum soll ich es nicht an mir geniessen? Wir teilen den Genuss beim Speisen, im Film, in der Kunstausstellung, in der gesellschafts/politischen Debatte, “unter der gemeinsamen Bettdecke” (auch wenn wir zuweilen um den Anteil nachts-schlafend kämpfen!-) … warum nicht auch den Genuss an der Wäsche? Muss ich grobes Feinripp tragen, oder darf ich nicht meinen Körper mit Seide/Satin/sonstigem verwöhnen? … und wenn ich vergleichbare Gefühle beim gemeinsamen Filmblick mir erlaube, zulasse, mit- und -teile …
    Nach und bei einem schlecht geführten aber für mich lehrsamen Klinikaufenthalt (“oha, der war in der Klinik”) habe ich gelernt, meine eigene Bandbreite zu geniessen (TiP: Marc Uwe Klings Känguruchroniken!-) und mich selbst nicht einzuengen und zu beschränken!
    Ja, ich geniesse es weiterhin erigiert in eine Vagina einzudringen – selbst einen kleinen Masturbator habe ich mir zugelegt und schaue mir zuweilen “Pornos” an – es ist nicht nur männlich, vielmehr ist es “allzu menschlich”!-)

    … vor vielen Jahren lies ich mir auf einem Jahrmarkt “die Hand lesen” und hörte, ich würde “intelligent” fremdgehen … gewiss es schmeichelte meinem “Intellekt”, aber es bestätigt mich mittlerweile durchaus auch in meiner Erweiterung der Bandbreite … und bin weiterhin der Meinung, die grösste Sünde ist, sein eigenes Potential nicht zu kennen und/oder positiv zu nutzen … der Penis berechtigt weder zum Missbrauch, noch zur dominanten Gewalt … und ersetzt vor allem nicht Hirn und Gefühl … aber ist ein Teil meiner selbst und findet – als ein Teil meines Wesens – in der grossen Bandbreite “Frieden”… viel Glück noch!-) – Freue mich durchaus auf eine Antwort …
    Gruss Gundi

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